Verliebt in Kirchhellen

Auch nach mehr als 60 Jahren haben Paare und solche, die es nicht geworden sind, Schmetterlinge im Bauch – Heiraten ist wieder „In“

Ein Wiedersehen nach 66 Jahren gab es Mitte Februar für die seit 2009 im Haus St. Johannes lebende Hedwig Schulz mit ihrer Jugendliebe Arnold. Beide hatten sich 1945 während des Krieges auf einem Bauernhof in Dülmen kennengelernt. Sie war damals 15 Jahre alt, kam aus Bottrop und absolvierte ihr Pflichtjahr auf dem Land. Er war Zivilgefangener, 23 Jahre alt und aus Holland. Der Altersunterschied und der damalige Fremdenhass auf Holländer sorgten dafür, dass aus der leisen Leidenschaft nicht mehr werden durfte. „Du gehst hier so wieder vom Hof, wie du hergekommen bist“, erklärte die Bäuerin dem Mädchen damals. „Ich wusste gar nicht, was sie von mir wollte – ich hab´ doch noch an den Klapperstorch geglaubt“, sagt Hedwig Schulz, heute 81 Jahre alt.

Auch die Eltern, denen diese kleine Romanze nicht verborgen blieb, stellten unmissverständlich klar, dass es kein Wiedersehen geben wird. „Du lachst mir zu viel mit dem Holländer“, hieß es von Seiten der Mutter. Obwohl Hedwig ihr Pflichtjahr verlängerte – vor allem wegen Arnold, der noch immer auf dem Hof arbeitete – hat sie ihn nach ihrer Rückkehr zur Wrangelstraße in Bottrop nie wiedergesehen. Ein letzter Brief wurde 1949 von ihr an ihn gesendet, er blieb aber unbeantwortet und das Leben ging einen anderen Weg.

Hedwig heiratete den Bottroper Schlosser Karl-Heinz und bekam vier Töchter mit ihm. Als sie 36 Jahre alt war, starb ihr Mann plötzlich und sie stand mit vier kleinen Kindern alleine da. „Ich musste hart arbeiten und sehen, dass ich die Kinder versorge. Da habe ich nicht mehr an die Zeit in Dülmen gedacht.“ Elke Labahn, Alltagsbegleiterin im Seniorenheim, fand bei der Biografiearbeit mit Hedwig Schulz in vielen Gesprächen heraus, was damals war. „Eines Tages erzählte Frau Schulz mir, sie habe von Arnold geträumt und es häuften sich die Fragen danach, was er wohl mache und was aus ihm geworden sei.“ Daraufhin startete Elke Labahn eine Suchmeldung beim Deutschen Roten Kreuz, aber weil sie nur wenige Informationen über Arnold hatte, kam kein Ergebnis.

 

Kurioserweise muss Arnold van Breukelen etwa zeitgleich ähnliche Vergangenheitsbewältigungen in Angriff genommen haben. Nach dem Tod seiner Frau vor einem Jahr, die übrigens von Hedwig wusste, beauftragte er den niederländischen Fernsehsender KOR. Das Team der Sendung „Memories“ hat Hedwig ausfindig gemacht und arrangierte ein Wiedersehen. Arnold, der immer noch ein schlechtes Gewissen hatte, weil er den Brief nicht beantwortet hat, kam nach Dülmen und nahm nach 66 Jahren „seine“ Hedwig in die Arme. Es war für beide ein hochemotionaler Moment. Enkel und Sohn von Arnold, zwei Töchter von Hedwig, Elke Labahn und Aziz Morina, Mitarbeiterin im Haus St. Johannes sowie die Familien des Bauern waren bei diesem besonderen Zusammentreffen dabei.

Hedwig Schulz freut sich, dass ein weiterer Besuch aus Holland geplant ist. Im Frühjahr kommt Arnold mit seiner Tochter nach Kirchhellen ins Haus St. Johannes. Ein bisschen wehmütig schaut die 81-jährige auf die zurückliegenden Jahre: „Wer weiß wie alles gekommen wäre, wenn ich damals den Arnold geheiratet hätte…“. Eine Geschichte, die nur das Leben schreiben kann und die bei Rosamunde Pilcher nicht schöner sein könnte.

 

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Ähnlich und doch ganz anderes erging es dem Ehepaar Lißner. Beide lernten sich als Jugendliche ebenfalls in den Wirren des Krieges kennen. „Ich war damals als Elektriker-Geselle am Marienhospital tätig, dort haben wir den ausgebombten Flügel des Krankenhauses wieder aufgebaut und meine Frau war hier als Beiköchin beschäftigt“, erinnert sich Heinz Lißner. Erste Anbandlungen gab es dann nach einer Maiandacht. Danach verloren sich die beiden nicht mehr aus den Augen. Dass sie einmal Diamantene Hochzeit feiern würden, das hätten beide jedoch nicht für möglich gehalten, als sie am 1. April 1951 in der Liebfrauenkirche in Bottrop Eigen ewige Liebe versprachen. „Dass du mir da keinen Aprilscherz von machst“, hatte der Pastor Heinz Lißner noch gewarnt. Doch Heinz meinte es ernst mit seiner Helga und Helga mit ihrem Heinz und zwar bis heute.

Das Geheimnis ihrer Liebe liege dabei auch in den Kochünsten seiner Frau, gibt Heinz Lißner zu. Schließlich geht Liebe durch den Magen und der sei dank Helgas Künsten am Herd nie leer geblieben. „Viel wichtiger ist aber, dass wie abends nie im Streit eingeschlafen sind“, verrät Heinz Lißner. Und so konnten die Eheleute jeden Morgen freudig aufstehen, um in den gemeinsamen Betrieb zu fahren. „Wir sind jeden Tag um 7 Uhr aufgestanden und noch heute haben wir einen inneren Wecker in uns, obwohl wir ja eigentlich ausschlafen könnten“, meint Heinz Lißner mit einem Lachen.

Gefeiert wird der 60. Hochzeitstag natürlich auch, allerdings im kleinen Rahmen. Bestimmt werden Helga und Heinz Lißner dann alte Fotos anschauen und noch einmal an den Tag zurückdenken, an dem sie sich versprachen: „In guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet.“

 

Ein Blick in den Terminkalender von Anke Schmidt, Standesbeamtin in Kirchhellen zeigt: Heiraten ist in. Waren es im vergangenen Jahr mehr als 100 Eheschließungen, so sind bis Mitte August bereits zahlreiche Termine ausgebucht. Eine ähnliche Anzahl dürfte wohl auch 2011 absehbar sein. „Dabei sind die Brückentage zwischen den Feiertagen im Juni besonders beliebt. Für den November könnten es der 11.11.11 oder der 20.11.2011 sein, aber wir können nur Termine bis zu einem halben Jahr im Voraus annehmen und deshalb liegen noch keine Anmeldungen vor“, sagt die Standesbeamtin. Das Alter der Neuvermählten liegt etwa ab 27 Jahren aufwärts – da wird es mit der Diamantenen Hochzeit schon schwierig. „Einzelne Paare sind etwas jünger, aber in den vergangenen zwölf Jahren habe ich erst einmal unter 20-Jährige vermählt“, sagt Magnus Thesing, Bezirksstellenleiter in Kirchhellen.

Ende Februar gaben sich Anne Sagel und Antonio Zurro Catala das Ja-Wort im Hof Jünger. „Der Hof hier hat eine besondere Bedeutung für uns, weil meine Oma in diesem Haus geboren wurde“, sagt Anne Sagel. Für das Ehepaar stand daher fest, dass nur dieser besondere Ort für ihre Trauung in Frage kommt. „Eigentlich wohnen wir in Brüssel“, sagt die gebürtige Kirchhellenerin. Hier habe sie ihren Spanier kennen und lieben gelernt. Gemeinsame Pläne hat das junge Ehepaar natürlich längst geschmiedet, ein Patentrezept für die Liebe haben sie sich dabei jedoch nicht zurecht gelegt. „Wir sind, glaube ich, schon ein besonderes Paar, weil bei uns zwei verschiedene Mentalitäten aufeinander prallen.“ Doch dass sie nach vier gemeinsamen Jahren im Hafen der Ehe einlaufen, ist Beweis genug für ihre Liebe. Und auch Standesbeamtin Anke Schmidt freut sich, das Glück der beiden besiegeln zu können. „Ich bin erst seit Juni 2010 Standesbeamtin, finde diesen Beruf aber einfach nur schön.“ Ob Anne Sagel und Antonio Zurro Catala auch einmal wie das Ehepaar Lißner Diamantene Hochzeit feiern werden, das können beide nur mit einem Schmunzeln beantworten, doch wünschen tun sie es sich ganz bestimmt, wie eben alle Paare, die sich Liebe auf Lebenszeit versprechen. gk/gj

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