Eine besondere Familienbande

Kirchhellen - Vor 65 Jahren kam die Familie Kluger aus Oberschlesien nach Kirchhellen und wurde hier von der Familie May herzlich aufgenommen.

„Wir sind sie nicht wieder los geworden“, sagt Elisabeth May mit einem herzlichen Lachen und auch Gunther Kluger muss schmunzeln. Denn loswerden, das wollte man einander gar nicht, schließlich ist die Geschichte der Familie Kluger und der Familie May-Klopries eine besondere, vielleicht sogar einmalige. Im August 1946 hielt ein LKW vor dem Gasthof Schulte Wieschen, auf der Ladefläche Zwangsaussiedler aus Schlesien. Darunter auch der damals 8-jährige Gunther Kluger. Mit fünf Geschwistern, Tante und Mutter war der Junge nach Kirchhellen gebracht worden.

Sein Vater Josef galt damals als vermisst. „Wir hatten uns vor den Russen und Polen aus unsere Heimat Osterdorf im Kreis Leobschütz auf den Weg gen Westen gemacht“, erinnert sich Gunther Kluger noch heute. Es war ein beschwerlicher Weg, die Heimat hinter sich lassend, ein Weg ins Ungewisse. In Kirchhellen angekommen wurden die Familienmitglieder auf die hiesigen Höfe verteilt. „Meine Schwestern Edith und Helga wurden bei Kreienkamp (heute May-Klopries) untergebracht.“

Zwei weitere Schwestern kamen zu Fiele (heute Schellberg). Gunther Kluger selbst und sein Bruder Franz wurden mit der Mutter und der Tante bei Hasebrinck (heute Askemper) untergebracht. Treffpunkt war und ist bis heute aber immer der Hof May-Klopries. Die Schwestern Helga und Edith wurden hier wie eigene Kinder aufgenommen und auch die anderen Geschwister waren gern gesehen. „Vom ersten Tag an haben sie zu meinen Eltern Onkel und Tante gesagt“, weiß Elisabeth May. Damals war die Kirchhellenerin 23 Jahre alt und kümmerte sich rührend um ihre neuen „Geschwister“. Alle packten auf dem Hof mit an. „Wenn wir die Schwestern besuchten, dann halfen wir natürlich auch auf dem Hof aus“, sagt Gunther Kluger. Daraus entstand eine lange und tiefe Freundschaft zwischen den Familien, die bis heute andauert. „Und das mittlerweile in 5. Generation.“ Ob Hochzeiten, Geburtstage oder auch in Stunden der Trauer, die Familien halten bis heute zusammen.

„Eigentlich sind wir eine große Familie“, sagt Maria May-Klopries, Tochter von Elisabeth May. In diesem Sommer feierte die Großfamilie daher ihre 65-jährige Zusammengehörigkeit. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, auf dem Hof May. 35 Familienmitglieder folgten der Einladung. „Einige waren verhindert, ansonsten wären wir fast 60 gewesen.“ Sich austauschen, in Erinnerungen schwelgen und sich einfach über einander freuen, das wurde beim Treffen groß geschrieben. „Das Gefühl der Familienzugehörigkeit ist wirklich unbeschreiblich. So intensiven Kontakt haben wohl nur Wenige zu den Vertriebenen, denen sie einst ein Dach über dem Kopf boten“, sagt Maria May-Klopries. gk


Vertreibungen aus Schlesien

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs galt es, die Grenze zwischen Polen und dem vereinten Deutschland festzulegen. Nach 1945 wurde Schlesien in polnisches Gebiet eingegliedert, die Ortsnamen wurden entfernt und durch polnische Bezeichnungen ersetzt.

Schon Anfang 1945 floh ein Großteil der Bevölkerung aus Angst vor der Roten Armee, nach der Übernahme durch Polen war die von polnischen Stellen organisierte gezielte Vertreibung der Deutschen der Hauptgrund zur Flucht. Die hierzu erlassenen Bierut-Dekrete legalisierten die Einziehung des gesamten Besitzes von Personen zugunsten des polnischen Staates, sodass beinahe alle Deutschen aus dem damaligen Schlesien vertrieben werden konnten. Die Zahl der Toten bei der Vertreibung aus Schlesien ist nicht exkat bekannt.

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