Reken - Ein Jahr auf sich selbst gestellt zu sein, weit weg von Familie und Freunden, ist keine leichte Aufgabe. Die Motivation von jungen Menschen als Au-pair die Heimat zu verlassen, liegt meist in der großen Anziehungskraft anderer Kulturen und in der Möglichkeit, auch einiges über sich selbst zu lernen und mit einem Koffer voller Erinnerungen und einer besonderen Lebenserfahrung zurückzukehren.
Auch die 19-jährige Leyla aus Turkmenistan hat sich aus diesem Grund um eine Stelle beworben. Sie kümmert sich bei der Familie Gebhardt in Bahnhof Reken um den fast dreijährigen Henning und den siebenjährigen Lukas und erledigt ein bisschen Hausarbeit – selbstverständlich mit Familienanschluss. „Ich war neugierig auf ein fremdes Land, auf eine andere Kultur und darauf, wie die Menschen in Deutschland leben“, sagt sie. Außerdem interessiert sie sich für die deutsche Sprache, deren Kenntnisse sie während ihres zwölfmonatigen Aufenthalt mit einem Studium vertiefen möchte.
Die Familie Gebhardt hat gleich mehrere Gründe, weshalb sie sich entschied, die Kinderbetreuung auf diese Art und Weise zu regeln. Denn Nicole Gebhardt absolviert ein Medizinstudium, ihr Mann Winfried ist als Lehrer im Schuldienst tätig. Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser koordinieren zu können, strebte das Ehepaar die Unterstützung durch ein Au-pair-Mädchen an. „Mit einer Betreuungskraft, die im Haus wohnt, läuft alles unkomplizierter“, erklärt Nicole Gebhardt. Außerdem wollten die Gebhardts, die selbst in ihrem Leben viel Unterstützung erfahren haben, wie sie erzählen „etwas zurückgeben“.
Und da es Mädchen und junge Frauen in anderen Kulturen schwer haben, entschieden sie sich dafür, ein Au-pair-Mädchen ins Haus zu holen: „So ist das wieder im Einklang“. Wobei Winfried Gebhard auch sagt: „Hätten wir die entsprechenden Räumlichkeiten nicht, hätten wir das wahrscheinlich nicht gemacht.“ Er ergänzt: "Ich könnte mir nicht vorstellen, mit einem fremden Menschen das Bad zu teilen." Leyla hat im Kellergeschoss des Hauses einen eigenen Wohnbereich mit eigenem Badezimmer, in den sie sich nach Dienstschluss zurückzieht. Dort kann sie auch den Computer im Arbeitszimmer benutzen: „Für den Kontakt zur Heimat“, erzählen die Gebhardts, die sich darüber freuen, dass die junge Frau recht unkompliziert ist und die Zeit harmonisch verläuft.
30 Stunden in der Woche ist Leyla im Einsatz, einmal in der Woche besucht sie einen Deutsch-Kurs, in dem sie ihre Kenntnisse vertieft. Sie erhält ein Taschengeld und hat Anspruch auf vier Wochen Urlaub. Die Zeit von Leyla geht nun schon wieder zu Ende, ein neues Au-pair-Mädchen wird noch vier Wochen von ihr „eingearbeitet“, bevor sie die Heimreise antritt. „Natürlich weiß man nie, wie es mit dem neuen Mädchen wird“, das weiß das Ehepaar, das nun einen dritten Gast aus einem fremden Land bei sich aufnehmen wird. „Doch mit Offenheit, Toleranz und Wissen um die Lebensumstände, aus denen die junge Frau stammt, klappt das Zusammenleben“, haben die Gebhardts erfahren.
Leyla ist Muslimin und hat in Bahnhof Reken das erste Mal ein Weihnachtsfest erlebt. „Das war toll mit den Geschenken“, schwärmt sie. Durch die Au-pair-Agentur sind in der näheren Umgebung weitere Mädchen aus Turkmenistan untergebracht. Die nutzen ihre freie Zeit, um gemeinsam etwas zu unternehmen, treffen sich mal bei der einen oder mal bei der anderen Gastfamilie. Gerne fährt Leyla nach Borken oder Bocholt „zum Shoppen“, davon erzählt sie mit strahlenden Augen. Während ihres Aufenthaltes hat sie mit der Agentur auch die Städte Amsterdam und Paris besucht. Mit ihrer Mutter und ihrem Bruder hat sie sich während ihrer Urlaubszeit in der Türkei getroffen. geg