Take it easy – er hat die Ruhe weg

Dietmar Urmes baut die Kathedrale von Chartres im Streichholzformat nach, schreibt Bücher und ist voller Pläne

In jahrelanger Kleinstarbeit baute der Kirchhellener Dietmar Urmes die Kathedrale von Chartres aus Streichhölzern nach. Was im Original stolze 266 Jahre dauerte, hat er in 44 Jahren geschafft.

„Nun ja, der Vergleich hinkt“, schmunzelt der Künstler und Buchautor angesichts dieses Gegensatzes. Stolz ist er auf sein Werk und das darf er auch sein. Am 1. Mai 1968 begann Dietmar Urmes mit dem Bau. „Damals hat es geregnet und für einen Ausflug war das Wetter zu schlecht. Also saß ich gemütlich am Schreibtisch und steckte meine Pfeife an. Dabei kam mir in den Sinn, wie verschwenderisch doch der Umgang mit den Streichhölzern ist und was man stattdessen alles aus den aussortierten kleinen Hölzern machen könnte. Aber statt ein Auto, Flugzeug oder den Kölner Dom nachzubauen, war mir spontan eingefallen, es sollte das Ur-Werk der Gotik sein, die Kathedrale von Chartres.“ Die zwei unterschiedlichen Türme dieses ehrfürchtigen Gebäudes haben den Kunstliebhaber schon immer fasziniert.

Genau 44 Jahre später, am 1. Mai 2012 hat er sie fertiggestellt. Dazwischen liegen viele Jahre ohne ein Streichholz anzufassen – das Rauchen hat Dietmar Urmes mittlerweile aufgegeben – stattdessen ist er seinem Beruf als Lehrer nachgegangen und hat einige Bücher geschrieben. Erst im Ruhestand kam die Konzentration auf das Meisterstück im Streichholzformat zurück. Stunden über Stunden saß er am Tisch und bearbeitete die kleiner Hölzer. „Ich denke, ich habe rund eine halbe Million Streichhölzer in der Kathedrale verbaut und mindestens genauso viele mussten verworfen werden“, sagt Dietmar Urmes. Das Original steht übrigens im Norden Frankreichs und vereint die ganze Bandbreite der gotischen Baukunst. Sie ist die älteste, praktisch unverändert gebliebene, hochgotische Kathedrale der Welt und mit ihren nahezu vollständig erhaltenen Glasgemälden, insbesondere den drei Rosenfenstern und zahlreichen Skulpturen und Reliefs an den beiden Querhausportalen reich geschmückt. Und genau das hat Dietmar Urmes detaillgetreu nachgearbeitet.

Postkarten und Fotos und ein Grundriss dienten ihm als Vorlage und da es vom hinteren Teil der Kirche keine Postkarten gab, „musste ich eben selbst Fotos machen“, fügt er hinzu. Vor allem die winzigen Statuen, die im Königsportal und an den Seitenflügeln in den Fenstern stehen, sind eine Augenweide für den Betrachter. „Rundbögen aus Streichhölzern zu bauen, bedarf einer gewissen Routine. Hin und wieder habe ich nur ein Zehntel eines Holzes benötigt. Die filigranen Muster der Fenster beispielsweise sind doch sehr klein“, schmunzelt der Künstler. Als Werkzeuge dienten ihm Stechbeitel und Rasierklingen – einige ehrenvolle Narben inklusive – sowie ein handelsüblicher Flüssigkleber und Markenhölzer. Die Familie hat von Beginn an hinter dem Projekt gestanden und ihn machen lassen. „Das Basteln hat mir Ruhe und Entspannung gegeben, davon profitieren die Familienmitglieder ja auch. Die Kinder sind mit der Kathedrale groß geworden und haben einen gewissen Respekt vor Kirchen und Streichhölzern entwickelt.“

Bislang hat Dietmar Urmes Bücher geschrieben und das wird er in Zukunft auch weiter machen. Nach den Werken „Take it easy: Besseres Englisch in schnellen Schritten“ (Januar 2005), „Etymologisches Namenlexikon: Das Herkunftswörterbuch“ (März 2006), „Handbuch der geographischen Namen: Ihre Herkunft, Entwicklung und Bedeutung“ (April 2004) und „Von Afterwolf bis Zipperlein: Wie die Krankheiten zu ihren Namen kamen“ (Januar 2008) wird sich sein nächstes Werk auch mit der Sprache beschäftigen. Die ersten Seiten sind geschrieben, aber ein Erscheinungsdatum ist noch nicht festgelegt.  Doch wer weiß, vielleicht fällt Dietmar Urmes bis dahin noch wieder etwas Neues ein. gj


Die Kathedrale ist in den nächsten Wochen im Reisestudio & Rosee Reisen, Hauptstraße 45, ausgestellt.

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