Kirchhellen - Haben Sie heute ein Glas Milch getrunken, dabei ein schönes Frühstücksei gegessen, sich zum Mittag kurz eine Tiefkühllasagne in die Mikrowelle geschoben und abends ein Stück Putenfleisch frisch angebraten? Und haben Sie Ihr Essen genossen oder hatte es einen faden Beigeschmack?
Verwunderlich wäre es nicht, denn die Lebensmittelskandale, die uns in diesem Jahr ereilt haben, machen wirklich keinen Appetit. Doch was steckt hinter Schimmelpilz-Gift im Futtermittel, Pferdefleisch in der Lasagne, Antibotika im Putenfleisch und Bioeier, die keine sind. LebensArt traf sich mit Landwirten und Fachleuten aus dem Bereich Bio-Lebensmittel, um der Frage „Was isst Kirchhellen?“ auf den Grund zu gehen. „Eines vorweg genommen, die Qualität der Lebensmittel, die in Deutschland auf den Markt kommen, ist wirklich gut“, sagt Friedrich Steinmann, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Kreisverbandes Recklinghausen. Doch vor kriminellen Machenschaften, wie bei den aktuellen Skandalen, hätte man eben keine Handhabe. „Das, was da gelaufen ist, ist eine große Schweinerei, getrieben von der Profitgier einzelner“, sagt Friedrich Steinmann weiter. Gut sei allein, dass die Kontrollen gegriffen haben und sich das System aus eigenen und staatlichen Kontrollen bewährt hat. „Ich denke nicht, dass man aufgrund der Skandale das gesamte landwirtschaftliche System in Frage stellen kann. Vielmehr sollte man mit hohen Strafen Sorge dafür tragen, dass Kriminelle schon im Vorfeld abgeschreckt werden“, betont Friedrich Steinmann.
Denn nicht nur hinter dem Futtermittelskandal, sondern hinter allen Skandalen steckt letztlich die Profitgier. „Bei welchem Preisniveau sich das letztlich abspielt, ist ganz egal. Fest steht, vor krimineller Energie kann man sich nicht schützen“, sagt Friedrich Steinmann. Er bezieht das Futter für seine 700 Mastschweine und 180 Rindviecher übrigens von einem HACCP-zertifizierten (ein vorbeugendes System, das die Sicherheit von Lebensmitteln und Verbrauchern gewährleisten soll) Futtermittellieferanten. „Diesem vertraue ich“, sagt der Kirchhellener Landwirt.
Das Stichwort Vertrauen spielt auch für Eberhard Schmücker eine entscheidende Rolle. „Am Ende steht das Vertrauen ganz weit oben“, sagt Eberhard Schmücker. Die Produkte, die er in seinem Hofmarkt anbietet, müssen zunächst ihn und seine Frau überzeugen. „Die Qualität der Produkte ist das A und O und zwar nicht nur bei den von uns selbst angebauten Obst- und Gemüsesorten, sondern auch bei den Waren unserer Lieferanten.“ Dafür steht der Kirchhellener mit seinem Namen ein. „Unsere Kunden vertrauen uns und kommen zu uns in den Hofladen, weil sie sicher sein können, dass wir ihnen hier beste Qualität bieten. Und sollte das einmal nicht der Fall sein, dann haben sie auch direkt eine Person, an die sie sich wenden können. Wir stehen also mit unserem Namen für die Qualität unserer Produkte ein“, sagt Eberhard Schmücker.
Sabine Sagel vom Hof Janinhoff ist eine der wenigen, die in Kirchhellen und Umgebung mit einer Außenvoliere Hühner halten und das artgerecht. „Meine Hühner gelten zwar als Bodenhaltung, aber statt neun Hennen pro Quadratmeter habe ich nur vier. Für Freilaufhaltung ist der Außenbereich leider etwas zu klein.“ Wer sich von dem Wohlergehen der Tiere überzeugen möchte, kann dies jederzeit tun. Sabine Sagel setzt auf Vertrauen, auch beim Futter. „Für die Hennen bedeutet es Höchstleistung, jeden Tag ein Ei zu legen. Da brauchen sie entsprechend gutes gehaltvolles Futter. Da spare ich nicht an der Qualität.“ Ein Zeichen, dass diese Rechnung aufgeht, ist, dass noch nie ein Tierarzt kommen musste und die Sagelschen Hühner keine Medikamente benötigen. Auch bei den Sattelschweinen, von denen Sabine Sagel acht an der Zahl hat, legt sie Wert auf guten Umgang mit den Tieren. Das Fleisch ist dann auch von entsprechend hoher Qualität.
Bereits seit 1956 betreibt der Hof Umberg die Hühnerhaltung, damals in Bodenhaltung. „Dem Trend der Zeit folgend stellten wir damals dann auf Käfighaltung um. Im 50. Jubiläumsjahr unserer Hühnerhaltung haben wir dies rückg.ngig gemacht: Unsere Hühner können sich im Stall wieder frei bewegen, ven Geschmack und ein schönes gelbes Eidotter. Seine Kunden vertrauen ihm und loben die Qualität der Eier, auch wenn diese nicht Bio sind.
Dass Bio nicht gleich Bio ist, bestätigt Ulrich Scharun von der Biometzgerei Scharun. Die Zusammenarbeit mit Bio-Betrieben aus der Region ist für ihn unerlässlich: „Es gibt auch bei Bio Massenproduktion und da wird dann geschummelt. Das EU-Bio-Siegel reicht allein nicht aus. Ich muss wissen, woher meine Produkte kommen, muss die Bedingungen auf den Höfen kennen.“ Die Kunden sollen wissen, dass es den Tieren gut gegangen ist, schließlich mache sich das auch im Fleisch bemerkbar. Für Ulrich Scharun ist ein gläserner Schlachthof ein Weg zu mehr Transparenz. Im konventionellen Markt wird der Kunde mit seinen Anfragen nicht ernst genommen.
In Spickermanns Bioladen in Fuhlenbrock ist es im Winter mit den regionalen Einkaufsmöglichkeiten zwar schwierig, aber Bernadette Müting-Spickermann weiß trotzdem, woher die Tomaten, Paprika und Auberginen kommen. „Ausgesuchte Bio-Betriebe in Europa und Nordafrika versorgen uns im Winter mit Bio-Gemüse. Der Bezug zum Großhändler ist für uns sehr wichtig, hier besteht eine größtmögliche Transparenz. Wir sind in ständigem Dialog. Das Siegel ist nicht allein ausschlaggebend, die Verbände wie Demeter, Bioland oder Naturland haben weitergehende Kriterien.“ Fleisch und Wurst gibt es im Fuhlenbrocker Bioladen zwar nicht von der Frischetheke, dafür aber vakuumverpackt. „Das Rindfleisch kommt aus Paderborn von Wasserbüffeln, die in extensiver Haltung im Freien leben.“ Hähnchen und Puten beziehen Spickermanns von einem kleinen Bio-Betrieb in Velen. Also auch hier gilt: möglichst kurze Wege, dann stimmt die Ökobilanz und die Kunden können sicher sein, dass Bio auch Bio ist.
In einem freien Europa mit globalen Strukturen wird es aber auch zukünftig so sein, dass Lebens- und Futtermittel exportiert werden. Dabei muss uns allerdings bewusst sein, dass der deutsche Standard im Umgang mit Lebensmitteln noch längst nicht überall gilt. Auch deswegen ist ein lückenloses Kontrollsystem ebenso wichtig, wie die Festlegung eines Strafmaßes, das Kriminelle im Vorfeld abschreckt, damit unsere Lebensmittel das bleiben, was sie sind: Mittel zum Leben! gk/gj