Bonjour Mama, Bonjour Papa

Am Muttertag freuen sich viele Mütter über kleine Geschenke, Ina Prittwitz freut sich vor allem über ihr Mutterglück, denn vor diesem lag ein langer Weg

Kirchhellen - „Das ist das erste Bild, das wir von Mara bekommen haben“, sagt Ina Prittwitz. Mit leuchtenden Augen strahlt das Mädchen mit dem rosa Kleidchen vom Bild. Und auch die Augen von Ina Prittwitz strahlen, wenn Sie auf das Foto ihrer Tochter schaut.

Ein Kind zu adoptieren, das war immer schon der Wunsch von Ina und Michael Prittwitz. Nicht, weil sie keine leiblichen Kinder bekommen können, sondern, weil sie einem Kind ohne Eltern, ohne liebevolle Fürsorge und ohne Chancen für das Leben gerne ein Zuhause geben wollten. „Rückblickend betrachtet sind wir doch ein wenig blauäugig in die Sache gestartet“, sagt Ina Prittwirtz. Doch für ihre Tochter Mara würde sie diesen Weg jeden Tag aufs Neue gehen. „Ein nervenaufreibender Weg, bei dem man sich viel bieten lassen muss“, sagt Ina Prittwitz. Und dennoch, als sie ihre Mara im November 2005 in die Arme schließen konnte, da war all das vergessen und eine tiefe Mutterliebe umfing alles.
 

Bis zu diesem Tag erlebten Ina und Michael Prittwitz jedoch eine Berg- und Talfahrt. Denn mit der Entscheidung: Ja, wir wollen ein Kind adoptieren, kam ein langer Prozess ins Rollen. „Wir haben zunächst das Jugendamt in Bottrop kontaktiert“, sagt Ina Prittwitz, „das ist der gängige Weg für alle, die sich als Adoptiveltern melden möchten.“ Das Bottroper Jugendamt sagte den Prittwitz schnell die volle Unterstützung zu. „Ich muss sagen, wir sind durch unsere Sachbearbeiterin wirklich bestens betreut worden.“ Denn was nach der Meldung beim Jugendamt auf die Prittwitz zukam, das füllt heute einen dicken Ordner. 14 verschiedene Dokumente mussten beantragt, beglaubigt, überbeglaubigt und verschickt werden. Angefangen beim Führungs- und Gesundheitszeugnis, psychologischen Gutachten bis hin zum Referenzschreiben von Familie und Freunden mussten Ina und Michael Prittwitz so einiges zusammentragen. „Man krempelt sich quasi einmal um.“ Doch mit dem Ziel vor Augen, schon bald Eltern sein zu dürfen, schafften die Prittwitz es in nur sechs Wochen alle Unterlagen zusammenzutragen. „Wir haben in dieser Zeit sogar geheiratet, weil uns das Jugendamt sagte, dass wir nur als Eheleute für eine Adoption in Frage kämen.“ Im August konnten die Eheleute alle Unterlagen in die Post geben.

Parallel zum bürokratischen Verfahren in Deutschland kontaktierte das Paar bereits das ausgesuchte Kinderheim in Haiti. „Das Adoptionsland kann man sich vorab aussuchen. Für uns kam Afrika oder die Karibik in Frage. Schließlich haben wir uns für die Karibik entschieden, schon wegen der Mentalität der Menschen dort.“ Über ein Forum lernten sie schnell weitere Adoptionseltern kennen, tauschten sich aus und bekamen wertvolle Tipps an die Hand. Ein Austausch, der auch die Wartezeit verkürzte. „Das Warten ist nervenaufreibend. Man kann nichts tun, guckt täglich mehrmals ins E-Mail-Postfach und sehnt eine Nachricht herbei.“ Als am 18. Dezember 2004 eine Nachricht im E-Mail-Postfach der Prittwitz aufblinkte, da hatte das Warten zwar noch kein Ende, aber ein großer Schritt war getan. Das Kinderheim hatte dem Paar einen Kindervorschlag geschickt. Von dem beigefügten Bild strahlte Mara mit ihren dunklen, leuchtenden Augen, schön zurecht gemacht mit einem rosa Kleid. „Mir war sofort klar. Das ist unser Kind, unsere Tochter.“
 

Bis Ina und Michael die kleine Mara jedoch in die Arme schließen durften, vergingen weitere elf Monate voller Hoffen und Bangen, Vorfreude und Aufregung. „Nachdem wir zugestimmt hatten, dass wir Mara gerne adoptieren möchten, begann das haitianische Verfahren. Es musste ein Pass beantragt werden, alle Papiere mussten legalisiert werden. Ein Prozess, der Monate in Anspruch nahm. Wir haben in dieser Zeit natürlich häufig überlegt, ob wir Mara besuchen, haben uns aber dagegen entschieden. Man muss wissen, die Kinder in dem Kinderheim sind alle traumatisiert. Sie sind Waisen des Bürgerkriegs oder von ihren Eltern zur Adoption freigegeben, weil diese sie nicht versorgen können. Jedes Kind hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Trauma. Wären wir hingefahren, so hätten wir Mara auch wieder verlassen müssen und genau das wollten wir nicht.“ Von anderen Eltern, die ihre Adoptivkinder in Empfang nehmen konnten, wurden sie während der langen Zeit des Wartens aber mit Bildern und Informationen versorgt. „Das festigt natürlich die Bindung“, sagt Ina Prittwitz.
 

Im August 2005 erreichte die Kirchhellener dann eine niederschmetternde Nachricht. „Wir sollten den Stempel der Haitianer nicht bekommen“, erinnert sich Ina Prittwitz. Der Grund: Zu kurz war das Paar verheiratet. „Um ein Kind aus Haiti adoptieren zu können, musste man damals mindestens zehn Jahre verheiratet sein.“ Es ist dem Einsatz von anderen Adoptiveltern zu verdanken, dass die Behörden das Adoptionsverfahren doch genehmigten. Denn diese bestätigten vor Ort, dass die Prittwitz nicht nur seit über zehn Jahren ein Paar sind, sondern auch gute Eltern für Mara. „Das war nur möglich, weil wir die Adoption noch privat durchgeführt haben, heute ist eine private Adoption nicht mehr möglich, da gibt es Agenturen, die vermitteln.“
Anfang November 2005 hieß es dann:  Ihr könnt einen Flug buchen und Mara zu euch holen. „Das Gefühl vor dieser Reise ist nicht zu beschreiben. Wir befanden uns in absoluter Ungewissheit, wussten nicht, was uns in dem vom Bürgerkrieg zerklüfteten Land erwartete, wussten nicht, wie Mara auf uns reagiert. Uns sind beim Abflug die Tränen gekommen“, sagt Ina Prittwitz. Und tatsächlich, die Zustände im Land waren erschütternd. „Nachts hörte man Maschinengewehre, unser Hotel wurde von Blauhelmsoldaten geschützt, allein auf die Straße zu gehen war zu gefährlich.“ Doch das alles nahmen Ina und Michael Prittwitz gerne in Kauf, um endlich ihre Tochter in die Arme schließen zu können. „Als der große Tag kam, da lief alles wie in einem Film ab. Mara wusste, dass wir kommen. Sie war mittlerweile dreieinhalb Jahre alt, für unser erstes Treffen war sie ganz toll zurecht gemacht.“ Das kleine dunkle Mädchen begrüßte Ina und Michael Prittwitz sofort mit einem herzerwärmenden: Bonjour Mama, Bonjour Papa. „Von da an waren wir eine Familie“, sagt Ina Prittwitz. Mara nahm ihren Rucksack und ging mit Ina und Michael Prittwitz in eine neue Zukunft. „Natürlich nicht, ohne noch einmal Abschied zu feiern. Wir gestalteten dafür im Kinderheim eine kleine Feier, hatten Kuscheltiere, Bonbons und Spielzeug mitgebracht.“ Ein Fest, das Ina Prittwitz nicht vergessen wird, denn bei diesem Fest lernte sie Maras leibliche Mutter kennen. „Wir wussten, dass Maras leibliche Mutter ihre Tochter regelmäßig besuchte und freuten uns, sie kennenzulernen, obgleich es mir bis heute weh tut, wenn ich mich daran zurück erinnere, dass die Mutter ihre Tochter unter Tränen hat gehen lassen.“ Doch wie viele Mütter wünschte sich Maras leibliche Mutter Ebelin ein besseres Leben für ihre Tochter, konnte sie mit ihrem kleinen Gehalt und ohne weitere Unterstützung nicht aufziehen. „Ein Foto von Maras leiblicher Mutter hängt bis heute in unserer Küche, sie ist für uns also immer gegenwärtig, auch wenn seit dem verehrenden Erdbeben jedes Lebenszeichen von ihr fehlt.“

Für Mara begann in Deutschland ein ganz neues Leben. „Wir landeten in einem kalten, weißen Deutsch­land, in dem alles neu für sie war, in dem wir ein Jahr lang alle sechs Wochen ihr Visum erneuern lassen mussten, bis sie endlich als Maranatha Ebline Prittwitz ins Familien­stammbuch eingetragen wurde. Ein Land, in dem sie aber auch schnell Freundschaften knüpfte, in dem sie herzlich aufgenommen wurde.“ Heute ist Mara elf Jahre alt, geht zur Schule, hat viele Freundinnen, ist ein fröhliches, lebensfrohes Kind. Und doch merkt ihre Mutter, dass noch manches Mal die Vergangenheit bei ihr anklopft. Trotzdem weiß Mara, sie ist zu Hause angekommen, bei liebenden Eltern. gk

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