Eine zweite Chance

Die Tierhilfe A.L.F. rettet spanische Hunde und Katzen vor Misshandlungen oder dem sicheren Tod – Dabei begegnen die Helfer regelmäßig schlimmen Schicksalen

Gladbeck - Mit ihrer liebenswerten Fröhlichkeit steckt die kleine Jette jeden Menschen in wenigen Sekunden an. Gäste werden von der Galgo-Hündin freudig begrüßt und mit treuen Blicken regelrecht zum Schmusen „gezwungen“. Wer diese menschenbezogene und freundliche Art erlebt, kann sich kaum vorstellen, welch schlimmes Schicksal die süße Spanierin in ihrer Heimat ertragen musste. Jette wurde in einer Schnappfalle gefunden, in der sie mit ihrem Vorderbeinchen vermutlich zwei bis drei Wochen feststeckte. Völlig abgemagert und mit schweren Verletzungen wurde sie von Passanten entdeckt und zum Tierarzt gebracht. Das Bein war nicht mehr zu retten und musste amputiert werden. Als sie sich erholt hatte, holte Anja Drabinski die junge Dame nach Deutschland. Heute lebt sie glücklich in Gladbeck.

 

Dabei ist Jette nur eines von unendlich vielen Schicksalen, mit denen ihr neues Frauchen regelmäßig konfrontiert wird. Vor vielen Jahren gründete Anja Drabinski die Tierhilfe A.L.F, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, spanische Vierbeiner vor Misshandlungen oder dem sicheren Tod zu retten. Hunde und Katzen werden zunächst in Pflegestellen und später in ein richtiges Zuhause in Deutschland vermittelt. Bei Anja Drabinski und ihrem Lebensgefährten Richard Dölze leben zurzeit insgesamt sieben Hunde und sieben Katzen. „Eines ist sicher: Hätten wir sie nicht hierher geholt, wären sie jetzt alle tot“, sagt Richard Dölze, Vorstandsmitglied und Kassenwart des Vereins, mit Bestimmtheit. Sie kommen nämlich aus sogenannten Tötungsstationen. „Was man dort sieht, geht einem nicht mehr aus dem Kopf“, weiß Vereinsvorsitzende Anja Drabinski.

Vor vielen Jahren entschied sich die Altenpflegerin ein vierbeiniges Familienmitglied aufzunehmen. Bei der Suche nach einem Hund wurde sie auf das Schicksal von Vierbeinern aus dem Süden aufmerksam und begann sich für den Tierschutz in der Türkei und in Spanien zu engagieren. Ein paar Jahre später gründete sie die Tierhilfe A.L.F. „Benannt haben wir den Verein nach unserem ersten Hund vom spanischen Festland, ein Langhaar-Podenco namens Alf“, erzählt Drabinski. Regelmäßig fährt sie nach Spanien, um den Vierbeinern vor Ort zu helfen, opfert ihren Urlaub und ihre Freizeit. Mittlerweile hat der Verein rund 45 Mitglieder, die im gesamten Bundesgebiet verteilt sind. Den Kern bildet das Ruhrgebiet. Die Tierhilfe vermittelt aber nicht nur Tiere nach Deutschland, sondern organisiert Aufklärungsaktionen und unterstützt Kastrationsmaßnahmen vor Ort. Das alles passiert in enger Kooperation mit befreundeten spanischen Tierheimen und Tierschutzorganisationen. Wer von hier aus helfen möchte, kann durch eine Spende, eine Patenschaft, als neue Pflegestelle oder neues Zuhause viel bewirken. Die vorhandenen Pflegestellen bieten zurzeit Kapazitäten für 80 Tiere.

Traurige Schicksale

„Am allerwichtigsten ist aber die Aufklärungsarbeit vor Ort in Spanien“, ist sich Anja Drabinski sicher. „Es ist auch eine Mentalitätsfrage. Bei uns sieht man Hunde als Haustiere, als Familienmitglieder. In Spanien ist das anders.“ Gerade Windhunde wie Jette erleiden oftmals schlimme Schicksale. Sie werden dort zur Jagd gezüchtet. Nach dem Sommer, wenn sie nicht mehr „gebraucht“ werden, töten ihre Besitzer sie auf grausame Weise. „Es ist eine schreckliche Tradition sie am Baum aufzuhängen, totzuschlagen oder zu erschießen“, sagt Richard Dölze. „Sie erfahren dort sehr schlimmes Leid.“

Doch die Gladbecker können noch von unzähligen anderen Schicksalen berichten. Da ist zum Beispiel der kleine Mischlingsrüde Angel, der mit einem mehrfach gebrochenen Bein einfach in einen Müllcontainer geworfen und erst Tage später herausgeholt wurde. Zwei Mal musste sein Bein amputiert werden, nun hat Angel ein neues Zuhause in Deutschland gefunden und darf endlich glücklich sein. Ein anderes Beispiel ist Windhündin Fiona, die mit 79 anderen Hunden in einem Erdloch gehalten wurde – drei Jahre lang hat sie kein Licht gesehen. Noch heute ist die sensible Hündin sehr ängstlich, wird aber immer zutraulicher. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie liebenswert und menschenbezogen die Hunde sind, nach allem, was sie erlebt haben“, sagt Anja Drabinski. „Wir haben schon gesehen, dass den Hunden Chips herausgeschnitten wurden oder dass sie jahrelang an der Kette gelebt haben und das viel zu enge Halsband schlimme Wunden verursacht hat.“
 

Sehr sozialisiert

Die Wirtschaftskrise habe die Situation für Vierbeiner weiter verschlechtert. „So schlimm wie jetzt, war die Situation noch nie. Die Tierheime sind überfüllt, weil die Menschen sich ihre Tiere einfach nicht mehr leisten können.“ Zahlreiche Hunde und Katzen werden auch auf der Straße ausgesetzt. „Grundsätzlich sind spanische Hunde sehr gut sozialisiert und verstehen sich hervorragend mit anderen Vierbeinern. Das liegt daran, dass sie in Spanien eher in Rudeln leben“, erklärt Richard Dölze. Deshalb können sie auch sehr gut in Familien vermittelt werden, in denen bereits Hunde vorhanden sind.
Wer sich für ein Haustier aus Spanien interessiert, kann sich an die Mitglieder des Vereins wenden. Sie kümmern sich um alle notwendigen Vorkehrungen. „Die potenziellen Herrchen und Frauchen müssen zunächst eine Selbstauskunft abgeben. Selbstverständlich schauen wir uns das neue Zuhause auch ganz genau an, bevor wir einen Hund abgeben“, so Drabinski. Jeder neue Besitzer zahlt außerdem eine Schutzgebühr, durch die die Kosten für den Transport, das Implantieren des Chips, Impfungen, gegebenenfalls die Kastration und die Untersuchung auf Mittelmeerkrankheiten gedeckt werden. „Wenn einmal ein wenig Geld übrig bleibt, wird es dafür verwendet, anderen Hunden zu helfen.“
Mit den Interessenten werden dann Verträge durchgesprochen und Aufklärungsarbeit geleistet. „Nicht jeder Hund passt in jede Familie. Außerdem haben viele Menschen ganz falsche Vorstellungen und erwarten Unmögliches von den Tieren. Natürlich liegt die Erziehung zu einem großen Teil in den Händen der Besitzer“, erklärt Drabinski. „Letztendlich liegt es am Menschen, ob es klappt. Die Tiere lassen ihre neuen Besitzer ihre Dankbarkeit für die zweite Chance jeden Tag spüren.“ Wer mehr über die Tierhilfe A.L.F erfahren möchte, findet zahlreiche Informationen zum Verein und zum Tierschutz im Allgemeinen auf der Internetseite www.tierhilfe-alf.de. jh

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