Kirchhellen - Kurz vor Weihnachten machten sich zwei Kinder auf den Weg zu ihrer Großmutter. Sie hatten den Bus nur knapp verpasst und obwohl sie laut riefen, fuhr der Busfahrer höhnisch grinsend an ihnen vorbei. Da beschlossen der 12-jährige Timo und seine 10-jährige Schwester Matti die Oma zu Fuß zu besuchen.
Foto: © Lutki2 / pixelio.de
Timo kannte eine Abkürzung über den Hühnerberg und dann durch den Habichtswald direkt zur Oma. Nachdem sie knapp zehn Minuten unterwegs waren, fing es an zu schneien. Auf dem Hühnerberg angekommen, wurde der Schneefall immer heftiger. Umkehren erschien ihnen unsinnig und so liefen sie so schnell es ging in den Habichtswald. Doch mittlerweile wurde der Schneefall heftiger und ein regelrechter Schneesturm kam auf. Außerdem begann es dunkel zu werden. Sie konnten kaum noch den Weg erkennen. Timo suchte verzweifelt einen Platz, wo sich die Geschwister vor dem Schnee schützen konnten. Matti fing an zu weinen und Timo drückte seine kleine Schwester fest an sich: „Du brauchst keine Angst zu haben, wir schaffen das schon. Ich bin ja bei dir.“ Schutzsuchend sagte Matti: „Ja, Timo.“ Orientierungslos kämpften die beiden sich durch den Wald. Timo wusste, dass es in solch einer Situation besser ist, weiter zu gehen und nicht auszuruhen, um der Gefahr zu entgehen, einzuschlafen und im Schnee zu erfrieren. Nach Stunden tauchte ein Schatten vor ihnen auf. Es war eine Futterkrippe für Waldtiere. „Matti, wir können uns dort unterstellen“, sagte Timo, doch die Schwester war zu schwach, um zu antworten, sie nickte nur.
Foto: © Claudia Heck / pixelio.de
Unterdessen rief Oma bei der Mutter an und fragte wo die Kinder blieben. Das gab eine große Aufregung im ganzen Dorf. Wo waren sie nur? Viele Nachbarn und Freunde beteiligten sich an der Suche, denn man hoffte natürlich, dass sie irgendwo Unterschlupf gefunden hätten. Doch alle in Frage kommenden Ställe, Scheunen und Wartehäuschen waren leer. Die Polizei wurde eingeschaltet und die Feuerwehr alarmiert. Doch auch sie konnten nichts ausrichten. Die Verzweiflung der Eltern wurde größer und größer. Radio und Fernsehen riefen die Bevölkerung auf nach den Kindern Ausschau zu halten. Als die Nacht jedoch einbrach, wurde die Suche eingestellt und erst am Morgen wieder aufgenommen. Mutter und Vater machten in der Nacht keine Auge zu und waren verzweifelt und in großer Sorge um ihre Kinder.
Obwohl Timo sich so sehr bemühte, nicht einzuschlafen, musste er doch den Strapazen Tribut zollen. Eng aneinander lagen die Kinder unter dem Krippendach und schliefen tief und fest. Es hörte auf zu schneien und nun kam die Kälte zu den Kindern. Doch nicht nur sie – auch vier Rehe kamen heran und legten sich ganz nah an die Geschwister und wärmten sie mit ihren Körpern.
Am nächsten Morgen machte sich der Revierförster Siebert auf den Weg, um die Futterkrippen zu kontrollieren. Wie groß war sein Erstaunen, als er die Rehe bei den Kindern fand. Sofort wusste er, um wen es sich bei den Kindern handeln musste. Mit seinem Handy alarmierte er die Polizei und auch die Feuerwehr.
Dann näherte er sich den Tieren, die ihm sofort Platz machten. Er wickelte die Kinder in seinen großen Lodenmantel. Sie waren stark unterkühlt, aber am Leben. Mit einem Unimog kamen Feuerwehr, Polizei und Notarzt zur Krippe. Nach der ersten Untersuchung war klar, dass die Kinder überleben würden. Die Rettung durch die Rehe war für alle ein großes Wunder. Mit einem Dank-Gottesdienst feierte das gesamte Dorf die Rettung der Kinder. Wie schön, dass es noch Wunder gibt. Kurt Guske