Es wird gebaut!

Der Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses an der Hauptstraße sorgt für Diskussionen – Drogeriemarkt kommt endlich ins Dorf

Kirchhellen - Was macht ein Dorf zum Dorf? Wie viele Bewohner verträgt ein Dorf? Und darf sich ein Dorf überhaupt gegen einen Zuzug wehren? Fragen, die in Kirchhellen in den vergangenen Wochen für hitzige Diskussionen sorgten. So hitzig, dass selbst der WDR mit einem Kamerateam anrückte, um zu schauen, was da los ist, in dem sonst so beschaulichen Kirchhellen.
 

Stein des Anstoßes ist der geplante Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses an der Hauptstraße. Ein schon seit Jahren nicht ganz unumstrittener Bauplatz, grenzt hier doch direkt der Festplatz der Schützen- und Brezelgesellschaft an. Schon bei den Plänen von Edeka, hier ein mehrstöckiges Einkaufsparadies zu eröffnen, empörten sich die Kirchhellener lautstark. Doch die Pläne des Supermarktes stimmten nicht mit dem Einzelhandelskonzept überein. „Das Einzelhandelsgutachten, das vor zwei Jahren erstellt wurde, hatte vorgesehen, den Festplatz in den zentralen Versorgungsbereich mit aufzunehmen. Doch die Politiker lehnten dieses ab“, sagt Christina Kleinheins, Amtsleiterin des Stadtplanungsamtes. Da das geplante Supermarktgebäude die 800 Quadratmeter aber überschreiten wollte und das Grundstück eben nicht in dem Einzelhandelskonzept berücksichtigt war, wurde der Bau damals nicht genehmigt.

Gut, für die Gegner, die Angst um ihre Festwiese hatten, schlecht für jene, die sich endlich einen neuen Drogeriemarkt für das Dorf wünschten. Denn dadurch, dass Edeka an seinem angestammten Platz verblieb, gab es keine neue Fläche für den dringend benötigten Drogeriemarkt. Doch nun gibt es neue Pläne. Das Unternehmen Wohnbau Overhagen steckt in den Planungen zu einem Wohn- und Geschäftshaus, das durch seine besondere Struktur nicht nur Platz für einen Drogeriemarkt, sondern auch für das komfortable Wohnen in der Dorfmitte bietet.
 

Bei dem nun geplanten Neubau war der Aufschrei der Gegenstimmen sogar noch lauter. Anlass dazu gab der Artikel einer Tageszeitung, der über das Bauprojekte berichtete. „Dieser Artikel wurde in der Facebook-Gruppe ,Wir sind Kirchhellen‘ heftig diskutiert, so dass ich die Idee hatte zu diesem Meinungsaustausch eine eigene Gruppe auf Facebook zu gründen“, erzählt Matthias Gellner, der in Kirchhellen wohnt und dem nach eigener Aussage die Interessen Kirchhellens am Herzen liegen. So entstand die Gruppe „Kirchhellen bleibt Dorf“, die sich gegen das geplante Neubauprojekt ausspricht. „Wir haben eine Unterschriftenliste gegen den Bau dieser Größe entworfen und konnten innerhalb von zwei Tagen fast 400 Unterschriften sammeln. Das finde ich schon beachtlich. Diese Liste wurde Bezirksbürgermeister Ludger Schnieder übergeben“, sagt Matthias Gellner. Bei einem Treffen im Brauhaus im November kamen etwa 20 Befürworter und Gegner zum Meinungsaustausch zusammen. Die Gegner des Projektes betonten dabei, dass sie nicht gegen den Rossmann-Markt seien, aber sie wollten nicht, dass Kirchhellen „zugepflastert wird“ und zu einer „Betonwüste“ mutiert. Das idyllische Gesamtbild Kirchhellens würde durch ein Gebäude dieser Größe zerstört und der dörfliche Charakter verloren gehen. „Es geht uns rein um die Baumaßnahme an sich, um deren Größe und Stil“, betont Matthias Gellner bei dem Zusammentreffen. Mit dem Bauträger an sich habe die laut gewordene Kritik nichts zu tun. Viele Kirchhellener bangen auch bei diesem Bauprojekt um ihren Festplatz.Doch erklärtes Ziel von Wohnbau Overhagen ist dessen Erhaltung. „Schließlich sind wir selbst begeisterte Schützen- und Brezelfestfreunde und wollen auch weiter das Fest auf dem traditionellen Festplatz feiern“, sagt Sabine Tönnes von Wohnbau Overhagen. Eine Erhaltung des Festplatzes war daher schon vor Beginn der Planungen gesetztes Ziel. Zudem bieten sich dem Bauunternehmen andere Voraussetzungen, denn das will nicht nur städtischen Grund- und Boden erwerben, sondern auch die beiden angrenzenden privaten Grundstücke. „Städtebaulich macht das natürlich Sinn, das Grundstück in seiner Gesamtheit zu betrachten“, sagt Christian Kleinheinz von der Stadt Bottrop.
Zur Sitzung der Bezirksvertretung im November hatte Sabine Tönnes eine Powerpoint-Präsentation ausgearbeitet, mit der sie den Politikern und anwesenden interessierten Bürgern das geplante Bauprojekt erläuterte. In einem Vorentwurf präsentierte sie, wie der Neubau aussehen könnte. „Ich freue mich, dass ich endlich Gelegenheit habe, mit den Gerüchten um das Bauprojekt aufzuräumen“, leitete Sabine Tönnes ihren Vortrag ein und erklärte dann, anhand erster Entwürfe, wie der aktuelle Planungsstand aussieht. „Wir wollen kein Nebenzentrum aufbauen, sondern einen wichtigen Bezug zum Dorf schaffen, daher haben wir den Eingang zum Drogeriemarkt auch von von Seiten der Hauptstraße aus geplant.“ Der Zugang zu den Wohnungen erfolgt über die Rückseite.  Ebenso plant das Unternehmen Stellplätze in einer integrierten Tiefgarage. „Gleichzeitig wollen wir dafür Sorge tragen, dass die Schützen und Brezelaner weiterhin Platz für ihr Fest haben und zudem Planungssicherheit.“ Daher geht ein Teil der Festwiese nun auch in den Besitz der Stadt über. In den vergangenen Jahren waren die Schützen- und Brezelbrüder hier lediglich durch den Eigentümer der Fläche geduldet. Der hätte sich natürlich jederzeit überlegen können, ob er seine Fläche noch zur Verfügung stellt. Mit dem Erwerb des Baugrundstücks an der Hauptstraße durch die Firma Wohnbau Overhagen wird nun im Gegenzug auch ein Großteil der Fläche durch die Stadt erworben. „Zugegeben, die Brezelwiese wird dadurch 200 Quadratmeter kleiner“, sagt Sabine Tönnes.
 

Für die Schützen und Brezelaner stellt das aber kein Problem dar. Sie folgten gerne der Einladung des Unternehmens Wohnbau Overhagen, um sich über das geplante Projekt zu informieren. „Der Platz bleibt laut der Planung erhalten. Wir haben daher keine Bedenken, was das Bauvorhaben angeht“, sagt Markus Josten, Geschäftsführer der Schützengesellschaft. Dem kann auch Stefan Janinhoff nur beipflichten. Der Geschäftsführer der Brezelgesellschaft sagt: „Sicher, es wird ein großes Gebäude und ein Teil der Wiese geht uns verloren, aber die Planung sieht sehr ansprechend aus für Kirchhellen. Außerdem haben wir von dem Stück Wiese, was künftig bebaut sein wird nur etwa 25 Quadratmeter genutzt, das können wir also locker ausgleichen, in dem wir die Festwiese etwas anders gestalten“, sagt Stefan Janinhoff. Beide Gesellschaften stehen übrigens auch im ständigen Austausch mit der Stadt. „Das Fest wird hier am Festplatz weiterhin stattfinden können, das ist die Zusage, die wir auch schriftlich bekommen“, sagt Stefan Janinhoff.
In Punkto Lärmbelästigung sollen daher schon im Vorfeld Maßnahmen getroffen werden. Das Bauunternehmen will durch ein besonderes Schallschutzsystem Vorkehrungen treffen und neben effektiven Maßnahmen zum Schallschutz auch schon bei der Planung einiges beachten. So sollen Balkone nach Westen ausgerichtet sein, das Treppenhaus hingegen in Richtung Festplatz. „Über die Gestaltung der Fassade zum Festplatz machen wir uns derzeit noch Gedanken. Es ist ja so, dass alles was wir bisher zeigen, ein Vorentwurf ist. Dieser ändert sich von Tag zu Tag, manchmal auch mehrmals, das gehört zu dem Entwicklungsprozess dazu“, sagt Sabine Tönnes.

Bei aller Diskussion muss man sich aber auch fragen: Was wäre gewesen, wenn ein externer Investor, eben einer der die Kirchhellen nicht kennt, das Grundstück erworben und seine Pläne hier umgesetzt hätte. Gäbe es hier dann ein noch höheres Gebäude, eine Planung, die die Festwiese nicht unter einen derartigen Schutz stellt, wie es aktuell der Fall ist?

Fest steht aber auch: Die Kirchhellener machen sich Gedanken um die Entwicklung ihres Dorfes und die Sorgen sollten Politik und Verwaltung durchaus ernst nehmen. Vielleicht ist es an der Zeit, eine ganzheitliche Planung festzuhalten, in der für die kommenden Jahre Möglichkeiten der Bebauung, aber auch eine entsprechende Deckelung der Projekte festgelegt, wird. gsk/go

 

Weitere Informationen zum Bauprojekt finden Sie auch auf der Internetseite www.leben-in-dorfmitte.de.

Zurück